Die Ästhetik des Kimono
- Von MaedaYumiko
- 3 min Lesezeit
In den letzten Jahren sieht man Kimonos auch außerhalb Japans immer häufiger.
Doch worin liegt eigentlich ihre Schönheit?
Farben, Muster und Materialien spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle.
Für mich jedoch liegt die wahre Schönheit des Kimono vor allem in den Linien.
Linien, die sich ruhig und sanft entlang des Körpers bewegen.
Diese fließenden Linien formen eine Ästhetik, die typisch für die japanische Kultur ist.
Besonders schön sind die weichen Übergänge vom Nacken über die Schultern bis zum Rücken.
Auch die Art, wie der Nacken sichtbar wird, wie die Ärmel fallen und wie die gesamte Silhouette im Stand wirkt, erzeugt eine harmonische Linie.
Der Kimono zeigt nur wenig Haut.
Und doch entsteht durch das Zusammenspiel von Stoff und Körper eine zurückhaltende, tiefe Sinnlichkeit.
Es ist eine Schönheit, die nicht direkt zeigt, sondern Raum für Vorstellung lässt.
Kimono und das Thema „Ausgleichen“ (Hosei)
In der heutigen traditionellen Kimono-Trageweise spielt das sogenannte Hosei – das Ausgleichen der Körperform – eine wichtige Rolle.
Dabei werden mit Tüchern oder Handtüchern die natürlichen Rundungen des Körpers sanfter gemacht, um eine gleichmäßige Silhouette zu schaffen.
Diese Methode sorgt dafür, dass Kimono und Obi stabil sitzen und ihre Form lange behalten.
Deshalb ist Hosei heute in der Kimono-Ankleidepraxis weit verbreitet.
Was uns alte Holzschnitte zeigen
Betrachtet man jedoch Ukiyo-e und historische Schönheitsdarstellungen, stellt sich eine Frage:
Haben die Menschen damals ihren Körper ebenfalls ausgeglichen?
Die Antwort lautet: nein.
In Zeiten, in denen der Kimono Alltagskleidung war, wurde kein solches Ausgleichen verwendet.
Erst ab der Meiji-Zeit begann sich diese Praxis langsam zu entwickeln und etablierte sich schließlich im frühen 20. Jahrhundert.
Damals formte der Alltag selbst den Körper.
Auch die Art, Kimono zu tragen, war lockerer:
Der Obi saß tiefer, war schmaler, und das Ohashori war kürzer oder gar nicht vorhanden.
Natürlich zeigen Holzschnitte auch idealisierte Formen.
Doch mit dem Einfluss westlicher Kleidung und veränderten Lebensweisen wandelte sich auch das Schönheitsideal.
Dass sich die Ausdrucksformen von Schönheit mit Zeit und Kultur verändern, ist etwas Universelles.
Heute ist das Ausgleichen des Körpers eine persönliche Entscheidung.
Wichtig ist nicht, ob man es tut oder nicht, sondern wie die Linien zwischen Stoff und Körper wirken.
Ein kleiner Tipp zum Tragen eines Haori
Wenn ich auf Märkten Haori anprobiere, gebe ich oft einen einfachen Rat:
Ziehen Sie den Haori nicht eng an den Hals, sondern lassen Sie ihn ein wenig nach hinten rutschen.
Viele Menschen versuchen unbewusst, ihn dicht am Hals zu tragen.
Dadurch wirken die Schultern oft angespannt und die Linie wird härter.
Schon eine kleine Bewegung nach hinten lässt die Linie vom Nacken über die Schultern bis zum Rücken weicher und harmonischer erscheinen.
Zwischen Körper und Stoff entsteht ein kleiner Raum – und genau dort liegt die Schönheit.
Diese Idee gilt auch, wenn man einen Haori über westlicher Kleidung trägt.
Der Kimono lebt von den Linien und von dem Raum dazwischen.