Meisen – Ausdrucksstarke Muster, die aus kleinen Verschiebungen der Fäden entstehen

  • Von MaedaYumiko
  • 9 min Lesezeit
Meisen – Ausdrucksstarke Muster, die aus kleinen Verschiebungen der Fäden entstehen

Meisen begeistert mit kräftigen Farben, großen Mustern und leicht verschobenen Konturen. Entdecke, wie vorgefärbte Seidenfäden, Kasuri und Hogushi-ori diese besondere Ästhetik entstehen lassen – und warum Meisen aus der Taishō- und frühen Shōwa-Zeit bis heute so modern wirkt.

Im letzten Beitrag ging es um Tsumugi, ein traditionelles japanisches Seidengewebe, dessen besonderer Reiz vor allem in der Struktur der Fäden, kleinen Unregelmäßigkeiten und einer oft eher natürlichen, zurückhaltenden Oberfläche liegt.

Dieses Mal möchte ich ein anderes Seidengewebe vorstellen, das ebenfalls mit vorgefärbten Fäden gewebt wird, aber einen völlig anderen Eindruck vermittelt: Meisen.

Leuchtende Farben, große Blumenmuster, geometrische Formen und Konturen, die manchmal leicht verschwommen oder beweglich wirken – all das ist typisch für viele historische Meisen-Stoffe.

Wenn man heute einen antiken Kimono oder Haori aus Meisen betrachtet, ist es manchmal kaum zu glauben, dass viele dieser Entwürfe bereits vor fast hundert Jahren entstanden sind.

Gerade diese überraschend moderne Wirkung macht Meisen bis heute so faszinierend.

Tsumugi und Meisen – ähnlich in der Herstellung, ganz unterschiedlich im Ausdruck

Tsumugi und Meisen haben einige Gemeinsamkeiten.

Beide gehören grundsätzlich zu den sogenannten vorgefärbten Geweben. Das bedeutet: Nicht erst der fertige Stoff wird gefärbt, sondern die Fäden werden bereits vor dem Weben eingefärbt.

Auch die Leinwandbindung, also die einfachste Grundform des Webens, kommt bei beiden häufig vor. Dabei kreuzen sich Kett- und Schussfäden abwechselnd miteinander.

Die Leinwandbindung ist allerdings nicht nur bei Tsumugi oder Meisen zu finden. Auch andere japanische Seidengewebe können auf diese Weise gewebt werden.

Deshalb entsteht die besondere Haptik eines Stoffes nicht allein durch die Bindung, sondern auch durch die verwendeten Fäden, ihre Stärke, Drehung, Dichte und die spätere Verarbeitung.

Bei Tsumugi liegt der Reiz häufig besonders in der Oberfläche des Garns selbst.

Kleine Verdickungen, Unregelmäßigkeiten und eine leicht körnige Struktur machen den Stoff lebendig. Viele Tsumugi wirken eher ruhig und zurückhaltend, zeigen aber gerade aus der Nähe eine große Tiefe.

Meisen dagegen wirkt oft glatter und leichter, gleichzeitig aber erstaunlich fest oder etwas „knackig“.

Dieser Charakter hängt nicht nur mit der Webart zusammen, sondern auch mit der Art der verwendeten Seidenfäden, der Webdichte und zum Teil mit der Ausrüstung des Stoffes.

Tsumugi zeigt die Schönheit des Fadens – Meisen die Schönheit des Musters

Sehr vereinfacht könnte man sagen:

Bei Tsumugi steht häufig die Struktur des Fadens im Vordergrund.

Bei Meisen fällt zuerst das Muster ins Auge.

Große Blumen, kräftige Kontraste, abstrakte Formen und leichte Verschiebungen in den Konturen prägen viele Meisen-Stoffe.

Natürlich gibt es auch auffällige Tsumugi und sehr zurückhaltende Meisen. Dennoch ist es gerade diese expressive Gestaltung, die viele historische Meisen so unverwechselbar macht.

Die überraschend schlichten Ursprünge von Meisen

So außergewöhnlich und dekorativ Meisen heute wirkt, seine Ursprünge waren deutlich schlichter.

Bereits in der späten Edo-Zeit wurden in japanischen Seidenregionen Stoffe aus Seidenfäden hergestellt, die sich nicht immer für besonders feine Handelsware eigneten.

Solche Stoffe wurden zunächst oft für den eigenen Gebrauch hergestellt und waren eher schlicht – zum Beispiel einfarbig, gestreift oder kariert.

In der Meiji-Zeit entwickelte sich daraus zunehmend ein kommerzielles Produkt.

Besonders bekannte Produktionsregionen waren unter anderem Isesaki, Chichibu, Ashikaga, Kiryu und Hachioji.

Mit der Verbreitung synthetischer Farbstoffe wurden immer kräftigere und vielfältigere Farben möglich.

Gleichzeitig entwickelten die einzelnen Produktionsorte neue Färbe- und Webtechniken.

Man wollte neue Muster schaffen, feinere Details darstellen und Stoffe produzieren, die sich von den Erzeugnissen anderer Regionen unterschieden.

Die auffällige Gestaltung von Meisen war deshalb nicht nur eine Modeerscheinung, sondern auch das Ergebnis technischer Innovation.

Eine typische Technik: Hogushi-ori

Eine der bekanntesten Techniken im Zusammenhang mit Meisen ist Hogushi-ori, oft auch Hogushi-gasuri genannt.

Die Herstellung ist erstaunlich aufwendig.

Zuerst werden die Kettfäden nebeneinander angeordnet und mit provisorischen Schussfäden locker fixiert.

Diese provisorische Webung dient nicht dazu, bereits den fertigen Stoff zu erzeugen. Sie hält vielmehr die Kettfäden an ihrem Platz.

So entsteht zunächst eine Fläche, die fast wie ein fertiges Gewebe aussieht.

Auf diese Fläche wird anschließend mit Schablonen ein Muster auf die Kettfäden gefärbt.

Das ist entscheidend: Die Fäden werden also zunächst so fixiert, dass sie wie eine geschlossene Fläche behandelt werden können.

Danach werden die provisorischen Schussfäden nach und nach wieder gelöst – auf Japanisch bedeutet hogusu so viel wie „lösen“ oder „auseinandernehmen“ – und durch die eigentlichen Schussfäden ersetzt.

Erst dann entsteht der endgültige Stoff.

Warum wirken die Konturen bei Meisen manchmal leicht verschwommen?

Beim erneuten Weben liegen die gefärbten Kettfäden nicht mehr exakt an derselben Position wie während des Färbens.

Sie verschieben sich nur minimal – aber genau diese kleinen Abweichungen verändern die Konturen des Musters.

Blumen, Blätter oder geschwungene Linien erscheinen deshalb manchmal leicht weich oder beweglich.

Das Muster ist also nicht deshalb verschwommen, weil die Farbe verlaufen ist oder weil der Stoff alt geworden ist.

Diese Wirkung entsteht durch die Herstellung selbst.

Aus der Nähe erkennt man kleine Verschiebungen zwischen den einzelnen Fäden.

Aus etwas größerer Entfernung fügen sie sich wieder zu einer großen Blume, einem Blatt oder einem geometrischen Muster zusammen.

Gerade dieser Wechsel zwischen Nähe und Distanz ist einer der besonderen Reize von Meisen.

Kasuri und Hogushi-ori

Im Zusammenhang mit Meisen begegnet man häufig auch dem Begriff Kasuri.

Kasuri bezeichnet eine Technik, bei der bestimmte Bereiche der Fäden bereits vor dem Weben gezielt eingefärbt oder ausgespart werden.

Beim späteren Weben treffen diese gefärbten Bereiche nie vollkommen exakt aufeinander.

Dadurch entstehen die leicht versetzten Konturen, die für viele Kasuri-Stoffe typisch sind.

Diese kleinen Verschiebungen wurden nicht als Fehler betrachtet, sondern entwickelten sich zu einem eigenen ästhetischen Ausdruck.

Hogushi-ori gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang, funktioniert jedoch auf eine besondere Weise.

Statt einzelne Fäden direkt zu gestalten, werden die Kettfäden zunächst zu einer vorläufigen Fläche fixiert und erst dann mit einem Muster bedruckt oder gefärbt.

Dadurch lassen sich größere Blumen, geschwungene Linien und komplexere, fast malerische Motive besonders gut darstellen.

Meisen kennt viele unterschiedliche Techniken

Nicht jeder Meisen-Stoff wurde auf dieselbe Weise hergestellt.

Es gibt zahlreiche Varianten.

Bei Yoko-gasuri, also einem Schuss-Kasuri, liegt das Muster vor allem in den Schussfäden. Dadurch zeigen sich die charakteristischen Verschiebungen häufig eher in horizontaler Richtung.

Bei Tate-gasuri liegt das Muster stärker in den Kettfäden.

Besonders aufwendig ist Heiyo-gasuri, bei dem sowohl Kett- als auch Schussfäden gezielt für dasselbe Muster vorbereitet werden.

Dadurch konnten sehr komplexe und farbintensive Motive entstehen.

Allein die Vorstellung, dass zwei bereits gestaltete Fadensysteme während des Webens so aufeinander abgestimmt werden mussten, zeigt, wie viel Präzision und Erfahrung dafür nötig waren.

Von der Taisho- bis zur frühen Showa-Zeit – neue Muster für eine neue Zeit

Besonders stark entwickelte sich Meisen in der Taisho-Zeit und in der frühen Showa-Zeit.

Japan veränderte sich gesellschaftlich und kulturell sehr schnell, und gleichzeitig kamen viele neue Gestaltungsideen aus Europa ins Land.

Geschwungene Linien, wie man sie aus dem Jugendstil kennt.

Geometrische Kompositionen, die an Art déco erinnern.

Große westliche Blumen, abstrahierte Pflanzenformen und ungewöhnliche Farbkombinationen.

Diese neuen Einflüsse trafen auf traditionelle japanische Färbe- und Webtechniken.

Das Ergebnis waren Stoffe, die teilweise erstaunlich modern wirken.

Große Tulpen.

Abstrakte Blumen.

Kräftige geometrische Flächen.

Muster, die fast wie moderne Kunst aussehen.

Vielleicht wirken sie heute auch deshalb so frisch, weil sie schon damals als etwas Neues und Modernes empfunden wurden.

Vom Alltagskleidungsstück zum besonderen Einzelstück

Heute erscheinen uns viele historische Meisen-Kimono und Haori fast wie textile Kunstwerke.

Ursprünglich waren sie jedoch nicht dafür gedacht, eines Tages als wertvolle Antiquitäten betrachtet zu werden.

Viele wurden ganz selbstverständlich im Alltag getragen.

Gerade deshalb spiegeln sie den Geschmack, die Mode und das Lebensgefühl ihrer Zeit besonders direkt wider.

Wenn man heute einen gut erhaltenen Meisen-Stoff betrachtet, sieht man deshalb nicht nur ein altes Kleidungsstück.

Aus der Entfernung sieht man ein mutiges, modernes Muster.

Aus der Nähe erkennt man die einzelnen Fäden und ihre kleinen Verschiebungen.

Und beim Anfassen spürt man häufig diese besondere Mischung aus Leichtigkeit und Festigkeit.

Vielleicht liegt genau darin die Faszination von Meisen: Farbe, Muster, Material, Technik und Zeitgeist sind in einem einzigen Stoff miteinander verbunden.

Je mehr man über Stoffe weiß, desto mehr entdeckt man

Ich werde immer wieder nach den Stoffen meiner Kimono und Haori gefragt.

Und je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto deutlicher wird, wie viel sich hinter dem einfachen Wort „Seide“ verbirgt.

Die Art der Fäden, die Färbung, die Webtechnik und die Verarbeitung verändern nicht nur die Optik, sondern auch die Haptik eines Stoffes vollkommen.

Auch ich lerne dabei immer wieder Neues.

Manchmal verstehe ich erst durch die Beschäftigung mit einer bestimmten Technik:

„Ah, deshalb fühlt sich dieser Stoff so an.“

Oder:

„Deshalb wirkt dieses Muster genau auf diese Weise.“

Und was mich dabei vielleicht am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass so viele dieser Arbeitsschritte von Hand ausgeführt wurden.

Nicht nur technisches Können war nötig.

Auch ein ausgeprägtes Gespür für Farben und Muster – und eine enorme Geduld.

Wenn man sich vorstellt, wie viele einzelne Arbeitsschritte in nur einem Stück Stoff stecken, empfinde ich dafür immer wieder große Bewunderung.

Der Wert eines antiken Kimono oder Haori liegt für mich deshalb nicht einfach darin, dass er alt ist.

Es ist vielmehr die Verbindung aus handwerklichem Können, Ästhetik und dem besonderen Gefühl einer bestimmten Zeit, die bis heute im Stoff erhalten geblieben ist.

Und manchmal denke ich, dass gerade dieser Sinn für Gestaltung aus vergangenen Jahrzehnten etwas ist, das wir heute nicht einfach nachahmen können.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Stücke immer wieder aufs Neue faszinieren – und warum ich in jedem einzelnen noch etwas Neues entdecken kann.

 

Meisen-Stoffe haben häufig eine deutlich festere Struktur und fallen nicht so weich am Körper wie andere Seidenstoffe. Genau das gehört zu ihrem Charakter. Auch bei den von mir ausgewählten Stücken kann diese typische Festigkeit spürbar sein.

Da ich weiß, dass diese Haptik nicht für jeden gleich angenehm ist, nehme ich Meisen nur in begrenzter Auswahl ins Sortiment auf – vor allem dann, wenn mich Muster, Farbe und Gesamtwirkung besonders überzeugen.

Wenn du diese besondere Struktur magst oder neugierig auf Meisen geworden bist, schau gerne in unserer Meisen-Kollektion vorbei.

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