Otsukimi: Die japanische Tradition des Herbstmondes
- Von MaedaYumiko
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Otsukimi ist die japanische Tradition, den Herbstmond zu betrachten. Warum ist gerade dieser Mond so besonders? Ein Blick auf Jūgoya, Jūsanya, alte Kalender, Mondhasen und herbstliche Motive in Kimono und Obi.
Nun neigt sich auch der September schon wieder dem Ende zu.
Hier in Berlin waren die letzten Tage noch einmal überraschend warm. Trotzdem merkt man am Himmel und am Wind deutlich, dass der Herbst angekommen ist. Die ersten Blätter färben sich, und für die Kinder beginnt wieder die Zeit, in der sie besonders schöne Herbstblätter sammeln.
Wenn ich an den September in Japan denke, gehört für mich auch Otsukimi (お月見) dazu – die japanische Tradition, den Herbstmond zu betrachten.
In meiner eigenen Familie haben wir Otsukimi nicht jedes Jahr als besonderes Familienfest gefeiert. Ich erinnere mich aber daran, dass meine Mutter zu dieser Zeit Mochi oder andere kleine Süßigkeiten mitbrachte.
Und als Kind wurde mir erzählt: „Auf dem Mond lebt ein Hase, der Mochi stampft.“ Also schaute ich zum Mond hinauf und versuchte, in seinen dunklen Flächen tatsächlich einen Hasen zu erkennen.
Aber was genau ist O-Tsukimi eigentlich?
Otsukimi bedeutet wörtlich „den Mond betrachten“ und bezeichnet einen traditionellen japanischen Brauch, bei dem man im Herbst den Mond bewundert.
Natürlich gibt es nicht nur einmal im Jahr einen Vollmond. Dass gerade der Mond zu dieser Jahreszeit in Japan eine besondere Bedeutung bekommen hat, hängt mit dem alten japanischen Kalender zusammen.
Bis ins 19. Jahrhundert verwendete Japan einen sogenannten Lunisolarkalender, dessen Monate sich unter anderem an den Mondphasen orientierten. In diesem Kalender galten der siebte, achte und neunte Monat als Herbst.
Der 15. Tag des achten Monats lag somit ungefähr in der Mitte des Herbstes. Dieser Abend wurde Chūshū no Meigetsu (中秋の名月) genannt – etwa „der berühmte Mond in der Mitte des Herbstes“.
Die Nacht des 15. Tages wird deshalb Jūgoya (十五夜) genannt, wörtlich „die Nacht des Fünfzehnten“.
Das Besondere an Jūgoya ist also nicht, dass dieser Mond astronomisch einzigartig wäre. Vielmehr entwickelte sich über viele Jahrhunderte die Tradition, gerade den Mond in der Mitte des Herbstes als besonders schön zu betrachten.
Dafür gibt es auch ganz praktische Gründe. Im Vergleich zum Sommer ist die Luft im Herbst oft klarer, während die Nächte noch nicht so kalt sind wie im Winter. Gleichzeitig fällt diese Zeit mit der Ernte vieler landwirtschaftlicher Produkte zusammen.
So wurde das Betrachten des Mondes auch mit der Dankbarkeit für die Ernte verbunden. Traditionell werden zum Beispiel Tsukimi-Dango, kleine weiße Reisklößchen, Susuki-Gräser und je nach Region auch Taro-Knollen als Gaben aufgestellt.
Interessant ist außerdem: Jūgoya ist nicht automatisch der astronomische Vollmond.
Da der traditionelle Kalendertag und der genaue astronomische Zeitpunkt des Vollmonds nicht immer zusammenfallen, kann zwischen beiden ein Unterschied von einem oder mehreren Tagen liegen.
2026 war das besonders gut zu sehen: Chūshū no Meigetsu war am 25. September, der astronomische Vollmond jedoch erst am 27. September.
Man könnte also sagen, dass Jūgoya weniger ein „Fest des Vollmonds“ ist, sondern vielmehr eine Nacht, an der man den Mond in der Mitte des Herbstes bewusst betrachtet.
Und damit endet die japanische Tradition des Mondbetrachtens noch nicht.
Etwa einen Monat später gibt es Jūsanya (十三夜), die „Nacht des Dreizehnten“. Sie bezeichnet den 13. Tag des neunten Monats im alten Kalender und gilt als eine Tradition, die sich besonders in Japan entwickelt hat.
Da zu dieser Zeit unter anderem Kastanien und Bohnen geerntet wurden, wird dieser Mond auch Kuri Meigetsu, „Kastanienmond“, oder Mame Meigetsu, „Bohnenmond“, genannt.
Anders als bei Jūgoya ist der Mond zu Jūsanya noch deutlich vor dem Vollmond und daher nicht vollkommen rund. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wurde auch dieser leicht unvollständige Mond als schön empfunden.
Auch darin zeigt sich für mich etwas sehr Interessantes an der japanischen Ästhetik: Nicht nur das Vollkommene muss schön sein. Auch etwas Unvollständiges, Vergängliches oder sich Veränderndes kann seinen ganz eigenen Reiz haben.
2026 fällt Jūsanya auf den 23. Oktober. Auch wenn Jūgoya für dieses Jahr bereits vorbei ist, gibt es also noch eine zweite Gelegenheit, den japanischen Herbstmond bewusst zu betrachten.
Eine besondere Tradition, zu Otsukimi einen Kimono zu tragen, gibt es übrigens nicht.
Trotzdem begegnet man dem Herbst sehr häufig in den Motiven von Kimono und Obi. Monde, Susuki-Gräser, Hasen, Herbstblumen oder buntes Herbstlaub gehören zu den Motiven, mit denen die Jahreszeit auf Textilien dargestellt wird.
Als ich früher in Japan in einem Kimono-Fachgeschäft gearbeitet habe, sah ich auch auf moderneren Kimono und Obi immer wieder verspielte Motive mit Hasen und Mond. Menschen, die Kimono im Alltag trugen, kombinierten solche Muster ganz bewusst passend zur Jahreszeit. Ich fand es immer besonders schön zu sehen, wie sehr sich die Jahreszeiten auch in kleinen Details einer Kleidung widerspiegeln können.
Auch in meiner heutigen Sammlung begegnen mir häufig Herbstmotive, besonders buntes Ahornlaub.
In Japan hört man häufig den Ausdruck „Herbst der Künste“ – Geijutsu no Aki (芸術の秋).
Wenn sich die Blätter verfärben, die Luft klarer wird und am Abend der Mond am Himmel steht, kann ich gut verstehen, warum gerade der Herbst mit so viel Schönheit, Kunst und stiller Betrachtung verbunden wird.
Vielleicht lohnt es sich also am 23. Oktober, auch hier in Berlin einmal bewusst in den Himmel zu schauen und dabei an diese alte japanische Herbsttradition zu denken.