Shibori – Die traditionelle japanische Färbetechnik für Kimono und Haori
- Von MaedaYumiko
- 6 min Lesezeit
Shibori ist eine traditionelle japanische Färbetechnik, bei der durch Abbinden, Nähen oder Falten einzigartige Muster entstehen. In diesem Beitrag geht es um verschiedene Shibori-Techniken, ihre Geschichte und die besondere Schönheit handgearbeiteter Kimono und Haori.
Shibori – Eine Färbetechnik, die jedem Stoff einen eigenen Ausdruck verleiht
Wer sich für Kimono und Haori interessiert, kennt vielleicht bereits das Wort Shibori.
Auch auf Märkten höre ich von Kundinnen und Kunden immer wieder die Frage: „Das ist doch Shibori, oder?“ Es überrascht mich manchmal, wie viele Menschen den Begriff bereits kennen.
Deshalb möchte ich dieses Mal etwas genauer über Shibori sprechen – eine der traditionellen japanischen Techniken, mit denen Muster auf Stoff erzeugt werden.
Shibori ist eine traditionelle japanische Reservierfärbetechnik. Dabei werden bestimmte Bereiche des Stoffes zum Beispiel mit Fäden abgebunden, vernäht, gefaltet oder auf andere Weise so zusammengehalten, dass die Farbe beim Färben dort nicht oder nur teilweise eindringen kann.
Nach dem Öffnen oder Lösen entstehen daraus Muster.
Doch Shibori ist nicht nur eine einzige Technik. Es gibt sehr feine, fast punktartige Muster, große und ausdrucksstarke Formen sowie Techniken, bei denen eine deutlich fühlbare, dreidimensionale Struktur im Stoff zurückbleibt.
Besonders beeindruckend finde ich Kimono, bei denen beinahe die gesamte Oberfläche mit feinem Shibori gearbeitet wurde. Solche Stücke werden als Sō-shibori, also als „vollständig mit Shibori gearbeitete“ Textilien, bezeichnet.
Wenn sich die feinen Muster über einen ganzen Kimono erstrecken, beeindruckt nicht nur das fertige Erscheinungsbild. Man beginnt auch darüber nachzudenken, wie viel Zeit und Arbeit in einem solchen Stück steckt.
Traditionelles Shibori wurde in vielen Arbeitsschritten von Hand ausgeführt. Bei sehr feinen Techniken mussten Hunderte oder sogar Tausende kleiner Bereiche einzeln bearbeitet und abgebunden werden.
Allein die Vorstellung, diese Arbeit Stück für Stück auszuführen, lässt erahnen, wie aufwendig die Herstellung gewesen sein muss.
Heute gibt es unterschiedliche Herstellungsweisen. Bei manchen Arbeiten werden Werkzeuge oder Maschinen in einzelne Produktionsschritte einbezogen. Daneben existieren auch bedruckte Stoffe, die die typische Optik von Shibori nachahmen.
Bei antiken und älteren Vintage-Kimono oder Haori mit handgearbeitetem Shibori lässt sich dagegen häufig erkennen, dass die einzelnen kleinen Erhebungen – auf Japanisch Shibo genannt – nicht vollkommen identisch sind.
Gerade in diesen kleinen Unregelmäßigkeiten empfinde ich die Wärme und Individualität der Handarbeit.
Bei antiken Shibori-Haori habe ich sogar schon Stücke gefunden, an denen noch einzelne Fäden vom ursprünglichen Abbinden zurückgeblieben waren.
Wenn ich solche Fäden vorsichtig löse, kommt darunter nach und nach das Muster und die typische Struktur des Stoffes zum Vorschein.
Bei dieser Arbeit habe ich manchmal das Gefühl, der damaligen Herstellung ein kleines Stück näherzukommen. Und wenn nach dem Entfernen eines Fadens die darunter verborgene Struktur sichtbar wird, ist das für mich auch heute noch ein besonderer Moment.
Obwohl all diese Textilien als „Shibori“ bezeichnet werden, sieht jedes einzelne Stück anders aus.
Es ist deshalb kaum möglich zu sagen: „So sieht Shibori aus.“ Technik, Muster, Stoff und die Art der Verarbeitung verleihen jedem Stück einen eigenen Charakter.
Wie ist Shibori entstanden?
Der genaue Ursprung von Shibori lässt sich nicht auf einen einzigen Ort oder einen bestimmten Zeitpunkt festlegen.
Die Idee, Teile eines Stoffes abzubinden, zu falten oder auf andere Weise vor der Farbe zu schützen, ist sehr ursprünglich. Ähnliche Reservierfärbetechniken entwickelten sich deshalb auch in verschiedenen Regionen der Welt.
Auch in Japan hat Shibori eine sehr lange Geschichte. Bereits in der Nara-Zeit, im 8. Jahrhundert, waren Techniken bekannt, bei denen Teile des Stoffes beim Färben vor der Farbe geschützt wurden.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden unterschiedliche Arten des Abbindens, Nähens und Faltens entwickelt. In verschiedenen Regionen Japans entstanden daraus eigene Techniken und Traditionen.
Das, was wir heute allgemein als „Shibori“ bezeichnen, umfasst deshalb zahlreiche unterschiedliche Arbeitsweisen, die über viele Generationen hinweg entstanden und weitergegeben wurden.
Wenn ich einen alten Kimono oder Haori betrachte, denke ich deshalb manchmal nicht nur über das fertige Muster nach.
Ich frage mich auch: Hat jemand vor vielen Jahrzehnten tatsächlich jeden einzelnen dieser kleinen Punkte mit der Hand abgebunden?
Einige typische Shibori-Techniken
Es gibt sehr viele unterschiedliche Shibori-Techniken. Hier möchte ich einige der bekannteren Formen kurz vorstellen.
Kanoko Shibori – feine, punktartige Muster
Bei Kanoko Shibori werden kleine Bereiche des Stoffes einzeln mit Faden abgebunden.
Nach dem Färben entstehen viele kleine helle Punkte oder Formen. Das Muster erinnert an das gefleckte Fell eines jungen Rehs – daher stammt der Name Kanoko, was sich auf dieses Rehmuster bezieht.
Bei sehr fein gearbeiteten Stücken kann ein Kimono eine enorme Anzahl solcher einzeln abgebundenen Stellen besitzen.
Wenn man sich vorstellt, dass jede einzelne von Hand bearbeitet wurde, wird der Arbeitsaufwand besonders deutlich.
Nui Shibori – Shibori durch Nähen
Nui Shibori bezeichnet verschiedene Techniken, bei denen der Stoff zunächst mit Fäden vernäht wird.
Anschließend werden die Fäden fest zusammengezogen. Dadurch entstehen Bereiche, in die die Farbe beim Färben nicht oder nur teilweise eindringen kann.
Je nachdem, wie der Stoff vernäht und zusammengezogen wird, können Linien, Wellen, holzähnliche Strukturen oder viele andere Muster entstehen.
Kumo Shibori – spinnenwebartige Muster
Bei Kumo Shibori wird der Stoff an bestimmten Stellen zusammengefasst und mit Faden umwickelt.
Nach dem Färben entstehen häufig strahlenförmige Muster, die an ein Spinnennetz erinnern. Daher stammt die Bezeichnung Kumo, das japanische Wort für Spinne.
Auch innerhalb dieser Technik können durch unterschiedliche Arten des Abbindens sehr verschiedene Muster entstehen.
Sō-shibori – Shibori über fast die gesamte Fläche
Sō-shibori bezeichnet weniger eine einzelne Technik als vielmehr ein Textil, bei dem Shibori fast über die gesamte Stofffläche ausgeführt wurde.
Besonders feines Kanoko Shibori kann beispielsweise einen ganzen Kimono oder Haori bedecken.
Solche Stücke wirken sehr aufwendig und luxuriös. Betrachtet man sie aus der Nähe, erkennt man häufig auch die kleinen Unterschiede zwischen den einzelnen von Hand gearbeiteten Strukturen.
Arimatsu- und Narumi-Shibori
In meinem früheren Blogbeitrag über Yukata habe ich bereits kurz Arimatsu Shibori erwähnt.
Arimatsu Shibori ist nicht der Name einer einzigen Shibori-Technik.
Der Begriff bezeichnet vielmehr die Shibori-Tradition, die sich in den Gegenden Arimatsu und Narumi in Nagoya, Präfektur Aichi, entwickelte. Innerhalb dieser Tradition gibt es zahlreiche unterschiedliche Shibori-Techniken.
Während der Edo-Zeit entwickelte sich Arimatsu zu einem wichtigen Ort entlang der historischen Tōkaidō-Straße. Shibori-Textilien aus der Region wurden unter anderem als Souvenirs von Reisenden gekauft und verbreiteten sich dadurch weit über die Region hinaus.
Wenn man sich nicht nur mit Shibori, sondern auch mit den Mustern, Färbetechniken, Webarten und Materialien japanischer Kimono beschäftigt, wird deutlich, wie eng Textilien mit der Geschichte, Kultur und dem Alltag einer Region verbunden sein können.
Ähnlich wie sich regionale Gerichte aus dem Klima, den verfügbaren Zutaten und der Lebensweise der Menschen entwickelt haben, entstanden auch Textilien und Handwerkstechniken nicht unabhängig von ihrem Umfeld.
Viele Färbe- und Webtechniken haben sich über Generationen hinweg gerade dort entwickelt, wo bestimmte Materialien, Lebensweisen und handwerkliche Traditionen zusammenkamen.
Wenn man einen Kimono oder Haori nicht nur wegen seiner Farbe oder seines Musters betrachtet, sondern auch etwas über seine Technik, sein Material und seinen Hintergrund weiß, beginnt man oft, das Stück noch einmal mit anderen Augen zu sehen.
Auch in kommenden Beiträgen möchte ich deshalb nach und nach weitere japanische Färbe- und Webtechniken sowie Materialien vorstellen.
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