Warum sind Vintage-Kimono und Haori so oft Einzelstücke

  • Von MaedaYumiko
  • 5 min Lesezeit
Warum sind Vintage-Kimono und Haori so oft Einzelstücke

Warum sehen Vintage-Kimono und Haori trotz ihrer großen Vielfalt fast immer unterschiedlich aus? Wir werfen einen Blick auf traditionelle Stoffe, individuelle Anfertigung, Größen und die Rolle der Zeit – und darauf, warum jedes Stück seinen ganz eigenen Charakter besitzt. Auf dem Foto sind ein Haori und ein Kimono mit einem beliebten Muster zu sehen, wie man es bei antiken Shibori-Arbeiten häufig findet. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Stücke. Auf dem Foto sind die Unterschiede nur schwer zu erkennen, doch im Original unterscheiden sich Stoffgefühl, die Wirkung der Shibori-Technik und auch der zeitliche Charakter leicht voneinander. Gerade solche kleinen Unterschiede machen jedes Stück so individuell.

Bei Uchia beschreiben wir viele unserer Kimono, Haori und Obi als Einzelstücke.

Auch ich selbst frage mich manchmal, obwohl ich täglich mit vielen verschiedenen Kimono zu tun habe:

Wie kann es eigentlich sein, dass es so viele Kimono gibt – und trotzdem fast jedes Stück anders aussieht?

Natürlich begegnet man ähnlichen Stoffen, verwandten Mustern oder Motiven. Ganz selten findet man sogar ein Stück, bei dem man denkt: „Das sieht fast genauso aus wie eines, das ich schon einmal gesehen habe.“

Und trotzdem: Wenn man Hunderte von Kimono und Haori betrachtet, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich sie fast alle sind.

Warum ist das so?

Zuerst kommt der Stoff – und daraus entsteht ein Kleidungsstück

Einer der Gründe liegt in der traditionellen Herstellungsweise.

Anders als bei moderner Kleidung, bei der ein bestimmtes Modell häufig in großer Stückzahl, in denselben Farben und verschiedenen Standardgrößen produziert wird, beginnt ein Kimono traditionell mit einem langen, schmalen Stoffballen, dem sogenannten Tanmono.

Aus diesem Stoff wird anschließend ein einzelnes Kleidungsstück angefertigt.

Schon die Stoffe selbst unterscheiden sich enorm.

Es gibt gefärbte, gewebte, mit Shibori-Technik abgebundene oder mit Schablonen gefärbte Stoffe, außerdem Stickereien und viele weitere Techniken. Selbst wenn dieselbe Technik verwendet wurde, können Farben, Muster und deren Anordnung sehr unterschiedlich sein.

Dazu kommt, dass der Stoff je nach Geschmack, Budget, Alter und Anlass der Person ausgewählt wurde, für die das Kleidungsstück gedacht war.

Auch Futter, Haura – also das Innenfutter eines Haori –, Haori-Schnüre und die genauen Maße konnten individuell gewählt werden.

So können sich zwei Stücke zwar ähneln und dennoch als fertiges Kleidungsstück ganz unterschiedlich wirken.

Selbst derselbe Stoff kann völlig anders aussehen

Besonders interessant ist, dass selbst Kleidungsstücke aus demselben Stoffballen nicht unbedingt gleich aussehen müssen.

Je nachdem, welcher Teil des Musters an welcher Stelle des Kleidungsstücks erscheint, verändert sich die gesamte Wirkung.

Gerade bei großflächigen Mustern spielt es eine große Rolle, wie der Stoff zugeschnitten und wie die einzelnen Musterteile auf Rücken, Ärmeln und Kragen angeordnet werden.

Selbst aus demselben Stoff können deshalb zwei Haori oder Kimono unterschiedlich wirken.

Warum sich Kimono nicht einfach in S, M oder L einteilen lassen

Diese Art der Anfertigung hat auch Einfluss darauf, wie man bei Kimono und Haori über Größen denkt.

Wie wir auch in unserem Onlineshop erklären, lassen sich Kimono und Haori nicht so einfach und eindeutig in S, M oder L einteilen wie moderne westliche Kleidung.

Besonders ein Kimono wird beim Anziehen überlappt und an den Körper angepasst. Dadurch kann er bis zu einem gewissen Grad auch dann getragen werden, wenn sich der Körper etwas verändert – zum Beispiel wenn man etwas ab- oder zunimmt.

Auch bei Haori gibt es ganz unterschiedliche Längen und Proportionen. Manche sind bewusst kurz geschnitten, andere sind lange Haori. Deshalb bedeutet ein kürzerer Haori nicht automatisch, dass er „kleiner“ ist. Oft ist es vielmehr eine Frage des persönlichen Geschmacks und der gewünschten Silhouette.

Hinzu kommt, dass Kimono und Haori heute nicht nur traditionell getragen werden.

Viele Menschen kombinieren sie mit moderner Kleidung.

Ob man unter einem Haori nur ein dünnes Oberteil trägt oder einen Pullover, ob man ihn locker und oversized oder eher körpernah tragen möchte – all das verändert, welche Maße sich angenehm und passend anfühlen.

Deshalb ist es oft schwierig, die eigene normale Konfektionsgröße direkt auf einen Kimono oder Haori zu übertragen.

Körpergröße und Armlänge verändern sich dagegen kaum. Deshalb sind Maße wie die Gesamtlänge oder die Ärmellänge von der Rückenmitte bis zum Handgelenk – auf Japanisch Yuki – gute Anhaltspunkte.

Aus diesem Grund geben wir bei Uchia nicht nur eine ungefähre Größenorientierung an, sondern auch die tatsächlichen Maße jedes einzelnen Stücks.

Natürlich gab es auch Serienproduktion

Das bedeutet jedoch nicht, dass früher jeder Kimono ein vollkommen einzigartiges Einzelstück war.

Manche Stoffe wurden durchaus in größeren Mengen produziert.

Ein gutes Beispiel ist Meisen, eine besonders im frühen 20. Jahrhundert populäre Seidenstoffart, die vergleichsweise häufig hergestellt wurde.

Auch beim Schablonenfärben konnten dieselben Schablonen mehrfach verwendet werden, sodass gleiche oder sehr ähnliche Muster entstanden.

Manchmal stoße auch ich auf ein Stück und denke:

„Dieses Muster habe ich doch schon einmal gesehen!“

Doch selbst dann unterscheiden sich die Stücke oft in der Farbe, im Produktionszeitraum des Stoffes, im Futter oder in der Art, wie sie später verarbeitet wurden.

Vollkommen identische Stücke findet man deshalb überraschend selten.

Dann kommt noch der Faktor Zeit hinzu

Bei Vintage-Kimono gibt es außerdem noch einen weiteren wichtigen Faktor:

die Zeit.

Nehmen wir an, ein bestimmtes Muster wurde in den 1930er-Jahren auf vielen Stoffballen produziert.

Das bedeutet nicht, dass all diese Stücke rund 90 Jahre später noch existieren.

Manche wurden getragen, bis sie beschädigt waren. Andere wurden entsorgt, verändert, auseinandergenommen oder zu etwas Neuem verarbeitet.

Nur ein Teil davon hat bis heute überlebt.

Und inzwischen sind viele dieser Stücke nicht mehr nur in Japan zu finden, sondern über die ganze Welt verteilt.

Selbst wenn es ursprünglich mehrere sehr ähnliche Stücke gab, ist die Wahrscheinlichkeit, heute wieder genau demselben zu begegnen, deshalb sehr klein.

Das verstärkt den Eindruck des Einzelstücks noch einmal.

Selbst nach Hunderten von Stücken entdeckt man immer wieder etwas Neues

Wenn ich die alten Kimono und Haori betrachte, mit denen wir bei Uchia arbeiten, denke ich deshalb auch heute noch manchmal:

„Wie kann es sein, dass so viele existieren und trotzdem fast alle anders sind?“

Wenn man Hunderte von Stücken gesehen hat, denkt man irgendwann weniger:

„Da ist schon wieder genau dieses Muster.“

Stattdessen beginnt man eher zu erkennen:

„Diese Farben sieht man in dieser Zeit häufiger.“

Oder:

„Diese Art von Muster scheint damals besonders beliebt gewesen zu sein.“

Stücke aus derselben Epoche wirken manchmal ein wenig so, als gehörten sie zur selben Familie.

Und trotzdem besitzt jedes einzelne seine eigenen Details.

Gerade bei Haori ist außerdem oft das Innenfutter besonders spannend.

Außen kann ein Haori sehr ruhig und zurückhaltend wirken, während sich im Inneren ein auffälliges, farbenfrohes oder sogar überraschend verspieltes Muster versteckt.

Diese Muster sieht man nur kurz beim Anziehen, beim Ausziehen oder wenn sich der Stoff bewegt.

Für mich zeigt sich darin eine besonders schöne Seite früherer japanischer Mode: die Freude an Details, die nicht ständig sichtbar sein müssen.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Vintage-Kimono und Haori bis heute so faszinierend sind.

Man findet vielleicht irgendwann wieder etwas Ähnliches.

Aber genau demselben Stück begegnet man möglicherweise nie wieder.

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